Telekolleg-Newsletter vom 2009-06-19
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Lyrik:
Auseinandersetzung mit Lyrik – wie geht das? Oder sind das schon die falschen Worte, mit denen man sich der Lyrik nähert?
Der Autor Andreas Thalmayr tituliert seine „ERSTE HILFE FÜR GESTRESSTE LESER“ (Hanser Verlag) folgendermaßen:
N
E
LYRIK
F
T
Im Klappentext zu seinem Buch heißt es:
„Wenn einer meint, er könne mit Lyrik nichts anfangen, so irrt er sich. Es gibt schlechterdings keinen Kopf, in dem es nicht von Gedichten wimmelt. Vom Abzählvers bis zum Dylan-Song, vom Werbespruch („Im Falle eines Falles…“) bis zur Nationalhymne - alles Gedichte! Aber woher kommt es dann, daß viele Leute behaupten: LYRK NERVT? Treiben uns die Lehrer den Spaß an tanzenden Wörtern aus? Oder Experten, die so tun, als wäre Lyrik etwas ganz Besonderes? Etwas Schwieriges? Etwas nur für Eingeweihte?
Der Autor dieses Buches ist Experte. Aber er will nicht einschüchtern, sondern Lust machen auf Lyrik und zeigen, dass jeder sie verstehen kann. Dazu fängt er ganz von vorne, mit der einfachsten Frage an: Was ist eigentlich ein Gedicht? Und er endet mit einer Anleitung zum Selbermachen. Dazwischen aber verrät er (beinahe) alles über die Tricks der Dichter und über die ausgefuchsten Regeln, nach denen sie ihr wunderbares Spiel mit Wörtern treiben.“
Gedichte sind gemalte Fensterscheiben.....
So beginnt ein Gedicht Goethes und Hermann Hesse schließt sich an: Wer keinen Sinn für Verse hat, wird gewiss auch beim Lesen guter Prosa die feinsten Werte und Reize sprachlicher Schönheit übersehen.
Erinnern Sie sich des zitierten Klappentextes? Von Tricks der Dichter, die „ihr wunderbares Spiel mit Wörtern treiben“ ist da die Rede, wie z.B. Rose Ausländer, die ein Gedicht über Gedichte dichtern verfasst hat:
ICH SUCHE
Ein Gedicht
gefunden
ich suche
das Zwischenzeilenwort
im Buchstabentanz
Konsonanten Vokale
Ich taste die Länge und Breite l
Der Wörter
Suche erfinde
Das atmende Wort.
R.Ausländer setzt das lyrische Ich ein und formuliert ihr Anliegen, sie sucht das, was zwischen den Zeilen steht. Sie sucht und erfindet das atmende Wort, das entschlüsselt werden muss.
Wie viel müssen wir an diesem Gedicht „herum“ interpretieren?
Oder sollten wir nicht besser danach schauen, dass wir „die Lust an den Wörtern und die Lust an der Freiheit, mit ihnen zu zaubern…“also die Lust auf Lyrik“ nicht verlieren. Und vielleicht auch so manchen Deutschunterricht vergessen, der uns mit Hausaufgaben, in Form von Interpretationsaufgaben, Fragebögen, Ratschlägen zur Bearbeitung von Gedichten jede Lust ausgetrieben hat. Solchen Gedanken hängt A. Thalmayr nach, wenn er einen Schüler einen fiktiven Brief an R.M.Rilke, unter dem Stichwort „Erste Hilfe“ schreiben lässt (S.7):
„ Sehr geehrter Herr Rilke,
ich habe mich leider sehr über Sie ärgern müssen. Sie sind schuld daran, dass ich einen Vierer geschrieben habe….unsere Deutschlehrerin hat uns ein photokopiertes Gedicht hingeschmissen und wir mussten eine Schulaufgabe … schreiben… verfehlt! sie gesagt. und alles hat sie mit ihrem Rotstift vollgekritzelt. Seitdem will mit Gedichten nichts mehr zu tun haben! Gedichte hängen mir zum Hals heraus!....“
Vielleicht haben Sie jetzt Lust verspürt, dieses Buch in die Hand zu nehmen und nach dem Lesen des Inhaltsverzeichnisses über „Baustelle“ „Freistil“ „Kunststücke“ „Kannitverstan“ und „Selbermachen“ Lust verspüren, die Wörter tanzen zu lassen.
Schauen wir uns noch um bei Herman Hesse, der sagt:
Gute Gedichte werden überhaupt nie für einen Zweck geschrieben.
Und:
Alle Lyrik ist Spiegelung der Welt im vereinzelten Ich, Antwort des Ich auf die Welt,
ist Klage, Besinnung vom Spiel einer ganz und gar bewusst gewordenen Vereinsamung.
Versuchen wir an einem Beispiel im Arbeitsbogen, das „atmende Wort“ zu finden:
Die beiden Gedichte von Ulla Hahn und Erich Fried sollen verglichen werden.
Überlegen Sie: eine sinnvolle Aufgabe oder würden Sie jetzt andere Aspekte für wichtig erachten?
Wie gehen Sie vor?
Macht es Sinn, sich über die Aussage, die in dem Gedicht steckt, klar zu werden?
z.B.
In beiden Gedichte geht es um die Beziehung, Liebe zwischen Menschen, zwischen zwei Menschen. Jedes thematisiert einen anderen Schwerpunkt in der Frage, wie sich lieben unter bestimmten Bedingungen?
Daran schließen sich Fragen nach dem verwendeten sprachlichen Material, oder jetzt besser: nach den „tanzenden Wörtern“ an
z.B.:
Das ICH und DU bei Ulla Hahn und das sich lieben in einer Zeit, in der…. bei Erich Fried.
Wie bearbeiten beide die Thematik?
Was ist das für ein Schwur auf ewig, vor dem man zurückzuweichen beginnt?
Was ist das für eine Zeit, die vor Waffen starrt?
Was ist das für ein Ineinander-auf -Gehen und
Sich doch lieben mit immer besseren Waffen?
Mit solchen oder ähnliche Schlüsselfragen können Sie der Aussage, ganz persönlich, näher kommen.
Viel Erfolg beim Interpretieren aus einer veränderten Perspektive heraus!
B.Booz
17.06.09
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