Telekolleg-Newsletter vom 2009-05-05


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War der Gesamtüberblick Thema des 1. Newsletters im 2. Trimester, so soll heute in die Details der Erzählungen eingegangen werden.
Im Folgenden aus einem älteren Arbeitsbogen eine Möglichkeit, sich klar werden zu können, warum die Kenntnis verschiedener Erzählperspektiven/ Erzählhaltungen/ Erzählanlässe für die Interpretation eines literarischen Textes sinnvoll ist: /ich greife hier bewusst vor und zurück, schauen Sie deshalb auch in das Inhaltsverzeichnis Ihres TK Deutschbuches)

Aufgabe: Lesen Sie die beiden folgenden Texte und beantworten Sie für sich, ohne feste Begriffe zu verwenden, „Wo“ sich der Erzähler im Text „versteckt“.
Versuchen Sie dann Ihnen bekannte Begriffe zu verwende, und überprüfen Sie Ihr Ergebnis. Vielleicht wundern Sie sich über Ihr Wissen! (Auflösung im nächsten Newsletter)

Jemand mußte Joseph K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen auf die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es, und ein Mann, den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein ...‚

(Franz Kafka, Der Prozeß, Fischer Taschenbuch, S. 7.)

Baltus Powenz fand es herrlich in Adams Weinkneipe und blieb. Er saß, noch unbärtig damals, aber mit einem Überschwang sehr gesunden, gleichsam hänfenen Haupthaares bewachsen, so als sei es bei ihm wie bei Simson mit göttlichen Kräften geladen, saß da, mit riesenhaften Händen und einem großen, offenherzigen Angesicht, mit fast nie versagender, animalischer Sympathie begnadet - manche behaupten, beinahe schön zu nennen -‚ saß drei Tage stumm und trank, ein rätselhafter Gast, Neugierde und Anteil erweckend, wer er wohl sei, woher des Weges, welchen Standes endlich.‘
(Ernst Penzoldt, Die Powenzbande, Knaur Taschenbuch, S.17)

Haben Sie sich schon einmal Gedanken über die Funktion von Literatur gemacht? Muss man sich überhaupt Gedanken darüber machen? Bevor Sie weiterlesen, halten Sie einen Moment inne und überlegen Sie! Was fällt Ihnen ein?
Die Poeten und Wissenschaftler jedenfalls haben es getan. So hält sich bis ins 18.Jahrhundert die Aristotelische Funktionsbestimmung: Literatur hat die Aufgabe bei Lesenden und Zuschauenden die Katharsis von Leidenschaften zu bewirken, daneben mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung, der antike poetologische Grundsatz von prodesse und delectare, Literatur muss lehrreich und unterhaltsam zu sein. Am Ende des 18.Jahrhunderts beginnt allerdings ein Umdenken: es wird die Autonomie der Kunst beschrieben, Literatur gilt als Kunstwerk an sich, Literatur hat einen ästhetischen Selbstwert. Im 20 Jahrhundert haben wir wieder eine neue Einschätzung. Ich möchte auf einen richtungweisenden Text verweisen:

Peter Handke: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms:

„… Literatur ist für mich lange Zeit das Mittel gewesen, über mich selber, wenn nicht klar, so doch klarer zu werden. Sie hat mir geholfen zu erkennen, daß ich da war, daß ich auf der Welt war, ich war zwar schon zu Selbstbewußtsein gekommen, bevor ich mich mit der Literatur beschäftigte, aber erst die Literatur zeigte mir, daß dieses Selbstbewußtsein kein Einzelfall, kein Fall, keine Krankheit war. Ohne die Literatur hatte mich dieses Selbstbewußtsein gleichsam befallen, es war etwas Schreckliches, Beschämendes, Obszönes gewesen; der natürliche Vorgang schien mir als geistige Verwirrung, als eine Schande, als Grund zur Scham, weil ich damit allein schien. Erst die Literatur erzeugte mein Bewußtsein von diesem Selbstbewußtsein, sie klärte mich auf, indem sie zeigte, daß ich kein Einzelfall war, daß es anderen ähnlich erging. Das stupide System der Erziehung, das wie auf jeden von den Beauftragten der jeweiligen Obrigkeit auch auf mich angewendet wurde, konnte mir nicht mehr soviel anhaben. So bin ich eigentlich nie von den offiziellen Erziehern erzogen worden, sondern habe mich immer von der Literatur verändern lassen. Von ihr bin ich durchschaut worden, von ihr habe ich mich ertappt gefühlt, von ihr sind mir Sachverhalte gezeigt worden, deren ich nicht bewußt war oder in unbedachter Weise bewußt war. Die Wirklichkeit der Literatur hat mich aufmerksam und kritisch für die wirkliche Wirk¬lichkeit gemacht. Sie hat mich aufgeklärt über mich selber und das, was um mich vorging.
Seit ich erkannt habe, worum es mir, als Leser wie auch als Autor, in der Literatur geht, bin ich auch ge¬genüber der Literatur, die ja wohl zur Wirklichkeit gehört, aufmerksam und kritisch geworden. Ich erwarte von einem literarischen Werk eine Neuigkeit für mich, etwas, das mich, wenn auch geringfügig, ändert, etwas, das mir eine noch nicht gedachte, noch nicht bewußte Möglichkeit der Wirklichkeit bewußt macht, eine neue Möglichkeit zu sehen, zu sprechen, zu denken, zu existieren. Seitdem ich erkannt habe, daß ich selber mich durch die Literatur habe ändern können, daß mich die Literatur zu einem andern gemacht hat, erwarte ich immer wieder von der Literatur eine neue Möglichkeit, mich zu ändern, weil ich mich nicht für schon endgültig halte. Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder. Und weil ich erkannt habe, daß ich selber mich durch die Literatur ändern konnte, daß ich durch die Literatur erst bewußter leben konnte, bin ich auch überzeugt, durch meine Literatur andere ändern zu können.
(Peter Handke, Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiel, Aufsätze. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1969, S. 263f.)

Was ist das für eine Wirklichkeit, von der Peter Handke spricht?
Literatur wird nun zum subversiven Mittel zur Übermittlung bestimmter Ideen, Werte, Vorstellungen. Literatur kann Propaganda machen für Reformensozialer und politische Natur.
Literatur bildet Wirklichkeit ab, die zu jeder Zeit verschieden ist. Nicht ohne Grund beachten wir bei der Interpretation von Literatur, den sozialen, politischen, historischen, biographischen Kontext, indem Literatur entstanden ist.
Viel Freude mit der Literatur!
B.Booz
05.05.09
 
© Bayerischer Rundfunk 2009

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